Orchester

Steven Sloane hat im Laufe seiner langen Karriere ein sehr großes Repertoire der symphonischen Literatur von Haydn bis hin zu Komponisten der Gegenwart aufgeführt. Dabei er hat sich nicht – wie viele seiner Kollegen – die großen Meister nach und nach gleichsam enzyklopädisch erschlossen, sondern von Anfang an nach offensichtlichen und verborgenen Querverbindungen in der gesamten Musikgeschichte gesucht. Spezialisierung und jede Form von Exklusivität sind ihm ebenso wesensfremd wie die (sehr deutsche) Idee einer „absoluten“ nur sich selbst verpflichteten Musik.

Ihn interessieren die großen überzeitlichen Fragen, die die Menschen aller Kulturkreise bewegen und ihren Niederschlag auch in der Musik – und keineswegs nur in der sogenannten „klassischen“ – gefunden haben und immer wieder neu finden. Tabus provozieren seine Fantasie, daher scheut er auch nicht davor zurück, die sogenannten Klassiker mit zeitgenössischer Musik aller Stilrichtungen (Jazz, Pop- und Filmmusik eingeschlossen) zu konfrontieren.

Es versteht sich von selbst, dass sich diese Herangehensweise nicht in einem vereinzelten Konzert-Programm, sondern nur in größeren Zusammenhängen und in Programmkonstellationen darstellen lässt, in der auch educative Elemente zum Tragen kommen können.  So erklärt sich seine nun schon zwei Jahrzehnte überspannende intensive Zusammenarbeit mit den Bochumer Symphonikern, die unter seiner Leitung zu einem der stilistisch wandlungsfähigsten deutschen Orchester geworden sind.

In den letzten Jahren ist das Werk Gustav Mahlers zu einem Kristallisationspunkt von Sloanes Arbeit geworden. In einem ersten, viel beachteten  Zyklus setzte er das Gesamtwerk in einen Kontext mit den symphonischen Werken von Charles Ives.  In der programmatischen Dichte öffneten sich faszinierende Perspektiven auf überraschend wesensverwandte Züge und zugleich auf Gegensätze, wie sie extremer kaum sein können: ein akustisches Panorama auf die gesamte Palette der musikalischen Moderne. Ein neues Mahler-Projekt, dessen Umrisse sich bereits abzeichnen, stellt die Werk in jeweils ganz unterschiedliche Kontexte, in denen Mahler nicht nur als Vollender der deutschen Symphonik, sondern auch als „Zeitgenosse der Zukunft“ neu erfahrbar wird: als der Komponist, dessen Werk von der ersten bis zur letzten Note Konventionen in Frage stellt und ein Musizieren und Hören ohne Scheuklappen einfordert.